CELAN SPUREN (1)

FIXIERUNG // LA BEAUTÉ DANS LA RUE

10. November 2013; Pjotr Pawlenski〈Moskau〉 

Seine Hoden aufs Pflaster nageln (die Manifestation einer Abweichung)

… schließlich, schickt das Volk keine Petitionen an die Kammern  Blanqui

… der Staat, mein Lieber, packt dich bei den Eiern

dein Körper wird mit weißen Laken verhüllt (die Neutralisierung der Abweichung)

Es gibt eine Gesellschaft zur Bekämpfung der Russophobie, Leute, die sich dafür bezahlen lassen, dass sie sich unter die Macht legen (eine Art gesellschaftspolitischer Hurerei)

… eine gewisse Dramatisierung, eine Inszenierung des Raumes,
das Durchkreuzen einer Sakralität, den Schallraum der Macht zu durchbrechen.

* * *

Ein seltsamer Reflex, bei Teilen der Linken,
Blindheit, was den russischen Oligarchismus und ihrer Politik der Liquidation (Auslöschung des Individuums) betrifft, dem Pendeln zwischen Autoritarismus und Totalitarismus
und eine Form realexistierender Antisemitismus  …

* * *

10. Mai ‘68 〈Paris〉

„24h Die Barrikaden /20h diner Mme Supervielle abgesagt“

12.000 Beamte der CRS im Quartier Latin im Einsatz.
Mit hunderten Tränengas- und Offensivgranaten versuchen die Einsatzkräfte die Demonstranten unschädlich zu machen.

Celan liest mit tiefstem Unbehagen vom latenten Antisemitismus von Teilen der rebellierenden
Studenten. Auf den Mauern steht: CRS = SS

  • Daß ich nicht daran vorbeileben kann, ist augenscheinlich.

Brief an Mme Pilar Supervielle

Bitte entschuldigen Sie, verehrte Mme Supervielle, schreibt er, aber ich bringe keinen Bissen herunter. Wieder einmal bin ich den um mich herum aufscheinenden Lichtschimmern aufgesessen, und wieder einmal mehr wird mir klar, dass von hier Dunkelheit ausgeht. Der Appetit ist mir vergangen, war ich die Tage doch schon kontreskarpisch mahlzeitend mit Marx.
Werden sich eines Tages die Köpfe transplantieren lassen, so dass auch die Bärte mit wachsen?

Kausalität, liebe Pilar Supervielle, ist nur eine Möglichkeit die Welt zu verstehen, vielleicht die absolute Art und Weise die Welt und die Dinge zu betrachten, aufzunehmen und zugleich wieder zu verwandeln, ich meine unmittelbar in den Kern der Ideen vorzustoßen, das heißt für uns Dichter, Schreiben in der Ordnung des Sehens, also dem Durcheinander ihres Auftretens. Es geht nicht zuletzt darum, alles hierarchische Denken aufzuheben.
Sie sollen wissen, dass ich mit meiner Arbeit absolut im Reinen bin, ich weiß, dass sie von vielen nicht verstanden wird. Überlegen Sie bitte, meine Gedichte sind ganz und gar nicht hermetisch, aber man wird kaum im Tanzschritt durch meine Verse, alles liegt offen vor ihnen, lesen Sie, lesen Sie nur, ich habe eine ganz eigene Auffassung von der Kunst, weniger streng, liquide eben, weniger dogmatisch, frei muß sie sein, widersprüchlich, keine wohlkalkulierte Investition, eine pneumatische Angelegenheit, ich bin vollkommen eins damit.
Was ich mache ist eine Art Schnitt (ein Abriss) in einem Tumult von Worten, die nicht aufhören Besitz zu ergreifen, sie nisten sich ein und werden schließlich ein Teil von mir.

Um auf das Gesellschaftliche, das Politische zu sprechen zu kommen, der Lärm der Straße also ein Netzwerk unverbindlicher Floskeln, unter dem Vorwand der Mensch bliebe dem Menschen treu. Die Menschen schwenken ihre Parolen in der mitverpesteten Luft, verehrte Pilar Supervielle.

Daher gibt es hier nur Spuren, Spuren von Spuren ohne Verlauf…  Derrida

***

Blanchot spricht in Die uneingestehbare Gemeinschaft von der Plötzlichkeit eines glücklichen Zusammentreffens, das eine „spontane Kommunikation“, etwas noch nie Dagewesenes, eine Rückhaltlosigkeit und lautere Erregung der protestierenden Gemeinschaft erst hervorzubringen vermag. In seiner Bilanz der Tage, läßt sich der Bedeutung der Bewegung nichts hinzufügen, aber auch nichts abziehen.
Eine „Höchste Macht“, schreibt er, die sich nur durch ihre grenzenlose Machtlosigkeit erklären läßt. Verwirklicht sieht er sie schon sechs Jahre früher in der schweigsam trauernden Menge für die im Februar 62 an der Metrostation Charonne von Einsatzkräften Totgeknüppelten (unter dem Kommando von Maurice Papon!) auf einer Kundgebung gegen den Algerienkrieg.

Jean-Luc Nancy greift die Gedanken zur „Communauté“ in Die verleugnete Gemeinschaft 30 Jahre später wieder auf.

2001 Giorgio Agamben in Die kommende Gemeinschaft.

* * *

PC schreibt weiter:

Nur diese wenigen Zeilen um Sie zu beruhigen, um mich zu beruhigen, denn ich fürchte nichts mehr, verhindert man doch nachdrücklich unser spontanes Wesen, die in ihrem Wechsel wohldosierte Abwendung und Zukehr, die Aderlässe gelebter Entwürfe, das zeithöfige Bewußtsein,
und so lassen mich die Bilder bei Tag und Nacht nicht los und ich frage mich, wodurch sie funktionieren …
also wie schon den ganzen Tag über die vereinzelten Schreie von der Straße, das Aufheulen eines Polizeiwagens, als ich aber hinausschaue ist die Straße leer im Schein der Laternen.

PC bedauert aufrichtig, der Einladung nicht nachkommen zu können.
Er schreibt:

Ich bewege mich am äußersten Rand einer Licht-Scheibe, wo Prämissen von Licht oszillieren.

Auf seiner London Reise, die nur wenige Tage zurückliegt, sucht PC in der National Gallery Rembrandt auf. Er verschickt gerne Postkarten mit den Selbstportraits des Alten und spricht vom Licht auf der Oberfläche der Bilder, dass wie eine Kugel Eis zu verlaufen scheint.

Lichtimpulse die verglimmen, verkapseln und augenscheinlich spielen sich da noch ganz andere Dinge ab, ich sah einen Lichtstrahl unter der Tür meines Hotelzimmers in London aufscheinen wo es Gott war, Madame, und manchmal nichts, was mich in große Verlegenheit stürzt.
Ich möchte dies eine Scene nennen, als ich nämlich vor ein paar Stunden die Rue Tournefort hinunterging, sah ich dass alle anderen sie hinaufgingen (Artaud) und wir uns immer mehr und wie mir schien, ganz absichtsvoll voneinander entfernten, also Kräfte gewisser Machinationen – wie leicht es scheint so zu reden, während ich die Helikopter schwirren höre, aber nicht über meinem Kopf.

Ich grüße Sie herzlich,
PC

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