CELAN SPUREN (2)

PC Notizen vom 10. Mai 1968 :

Nächtliche Herausforderungen, wie Pascals von Feuer illuminierte Nacht vom 23. November 1654 (tief eingenäht ins Futter seiner Jacke), ich spreche und schreibe (durchschreibe) aus einem Ensemble erhoffter Stimmen – aber nie mit gefalteten Händen – von zwei Stunden weißen durchsichtigen Explosionen, ein Vernunftzerkrachen im Jahr der Gnade (magnalia dei), Zündholzgedanken eben.

Die imago als genealogische Praxis verstanden.

Rembrandt ist einer der Malerkönige. Seine Technik des Verbergens, besonders in den späteren Selbstbildnissen, scheint uns eine umso größere Wahrheit zu offenbaren. Mal Zeuxis, mal Demokrit löst sich bei ihm alles in nichts auf.

Die
    Konzentration
schwarzer
    Flecken
 die
     eine
Form
     ergeben
 die
     ein
 Mensch
      ist.

Aber ich will keine Lebenden, die ausschließlich mit Überleben beschäftigt sind.
Die Wände sind vollgeschmiert mit Menetekeln, parteiparoliges sogleich jedoch wieder übertüncht:
L’Un Seul Existe, L’Ennui pleure, Insoumission, oder der 8. Psalm eben –

* * *

Unsichtbare Regeln dienen den Herrschenden im letzten zuckenden Aufbäumen einer regressiven Verdammung gesellschaftlicher Errungenschaften, die Einteilung in Imperien, aus deinem Hals schlägt eine goldene Ader blindwütig um sich …

während eine hippe Bourgeoisie schmelzende Pole weglacht …

die Rettungsaktionen … als Bluff … das verschissene Prekariat säuft ab …

wir patroullieren entlag unserer Netzwerke auf einen Happen Aufmerksamkeit …

Jahrzehnte des Kapitalismus haben uns zu Idioten werden lassen …

eine Praxis des Desertierens, Körper in Ablösung, der Abkehr von dem was man erwartet, das was ungeduldig und widerständig macht …

worüber kann man noch reden, der Suff der Nachtigall ihr Lallen im fortwährenden Gezwitscher …

* * *

Ich gebe alles auf, aber nichts fällt von mir ab.

Ich sehe sie, die inkorporierten Gesichter, doch wohl wieder und wieder, wie etwas das Schwierigkeiten bereiten könnte;

währenddessen ich mich auf das Innere der Person konzentriere, die verschiedenen Rhythmen, die der Prozeß, das Anfertigen eines Bildes hervorruft, das Aufwallen der Lust, dem Tempo der heißen Nadel zu folgen, das jäh Gipfelstürmerische, jetzt verulme ich

schließlich, und das fällt ganz sicher unter ›Schädeldecken-Geschichten‹ , heißt es nur verrückt werden um bei Verstand zu bleiben, so wie sich der alte Flaubert in sein gueuloir, also sein Schreizimmer einschloss, den Worten ihren Klang zu entlocken, so wie jede wahre Idee ihre eigene Musik, ihren Klang besitzt;

also gleicher Blick, gleicher Mund gezerrt durch die absurde Logik des Zufalls,
reicht ein Blick die Welt in Zweifel zu ziehen, die Spiegel der Seele als schwarze Knöpfe betrachtet, weit überlegen jeder Selbstentblößung,
das heißt, Gefühle wiedergeben, teilen, extrapolieren – verstehe ich das richtig ?

sind es nicht die beiden Welt-Hälften zwischen denen Rembrandt Platz nimmt, leere Welt-Hälften wohlgemerkt,
ein alter Mann mit weißer Krone, sublimer Palette (Kenwood Selbstbildnis),
also beginnt alles mit nichts, perfekte Kreise damit niemand ihm nachsagt, er würde falschspielen, denn er selbst gibt die Regeln vor nach denen er spielt,

er betrachtet sein Gesicht das noch warm ist von seinem Atem.

* * *

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Pierre Guyotat gerät im Frühjahr 68 nach seiner Rückkehr aus Algerien in den Strudel der Ereignisse. Er lebt in einem VW-Bus, noch den Sand der Wüste im Maschinenraum seines Wütens, fährt er die Wegmarken des unverhofften Aufstands ab. Am 13. Mai, ein Demonstrationszug von über 1 Millionen Arbeitern, Schülern und Studenten zieht durch die Stadt, wird er mit Hunderten anderen Demonstranten eingesperrt. Seinem 1967 erschienenen Werk Tombeau pour cinq cent mille soldats sagt man eine erstaunliche Wirkung unter den Studenten nach. Er selbst spricht davon, seine Erlebnisse während des Algerienkriegs (er fühlt sich den algerischen Rebellen näher, denn der französischen Armee) dort in 7 epischen, halluzinatorischen Gesängen verarbeitet zu haben. Ich mußte es loswerden, sagt er, Dinge, von denen du keine Ahnung hast, wenn du sie nicht selbst erlebst. Man hat mich drei Monate in ein Loch geworfen und mir mit Steinen vermischtes Essen gegeben. Ich fühlte mich als sei ich ein Fremder. Etwas, das Frauen im übrigen besser verstehen als Männer. Ich mußte alles vergessen um mich wieder daran zu erinnern. Ich schreibe von jeher körperlich, üppig, obsessiv, atemlos. Eine Polyphonie der Stimmen der Körper der Sklaven.

Die Möglichkeit verrückt zu werden, kam schon sehr früh in meinem Leben auf. Mein Wahnsinn ist von der Art, eine Sprache, eine Musik zu finden, die zeigt, dass die Politiker, die Herren, sehr wohl Macht über meinen Körper erlangen können, sich jedoch niemals zum Eigentümer meines Denkens, meines Geistes emporzuschwingen vermögen. Ich bin maßlos, sagt er und möglicherweise erkennt man mich in dieser Maßlosigkeit, erfroren im Hin und Her zwischen den Feuern, suche ich nach Augenblicken gesteigerter Aufmerksamkeit in denen sich alles mehr und mehr ineinander fügt.
Mit 14 beschloss ich Schriftsteller zu werden. Ich habe mich für alles Mögliche interessiert und sehr schnell die Manifestationen sozialer Ungleichheit erkannt, diese willkürliche Einteilung in soziale Klassen, alle meine Texte handeln davon. Es gibt Gründe dafür. Die Berührung mit den Grauen des Krieges. Viele in meiner Familie haben in der Resistance gekämpft und sehr gelitten. Ich war sehr jung, als ich die ersten Fotos von den Konzentrationslagern gesehen habe. Ich erlebe und empfinde körperlich. Eine Fabrik des Überlebens der erlittenden Zeit. Solidarität ist eine elementare, physische Empfindung. Ich habe alles von mir in Tombeau geworfen. Es platzt vor Grausamkeit, einer juvenilen Gewalt, einer bizarren Schönheit, alles darin ist wahr. Es ist geschehen.

Noch im Oktober 1968 beginnt er mit Eden, Eden, Eden. Er wendet sich ab von jedwedem Idealismus. Das Lyrische, Epische, das sein vorheriges Buch auszeichnet, ist verschwunden. Eine Engführung, bestimmt von Rhythmus und Klang. Es gibt einen Egalitarismus in Guyotats Werk, behauptet Alain Badiou, in dem Sinne, dass nichts in der Welt der Dinge unaussprechbar oder undarstellbar wäre. Die Abfolge einer unendlichen Reihe von Darstellungen von denen keine sich untereinander abhebt die einen Gesang ergeben.

    Zu wenig Zeit, zu wenig Zeit … , und diese Maßlosigkeit meiner juristischen, sexuellen, philosopischen, analytischen, wissenschaftlichen, analytischen, wissenschaftlichen, mathematischen, akrobatischen Unwissenheit, angesicht dieser Maßlosigkeit des menschlichen Elends, des gegenwärtigen und ehemaligen … ! dieses Elends, aus dem ich eine Musik machen muß … !,                                                              :aus (Langspiel-Kassette 33; ICH GESTATTE MIR DIE REVOLTE)

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