BAUDELAIRE’S HÄNDE 1848

Alles ist wahr, alles gelogen, nichts unternommen, alles versucht um auf irgendeine Art und Weise die Dinge ins Rollen zu bringen oder von der anderen Seite her gesehen sie zu stoppen, so als würde man sich auf die Schienen legen wollen um Einhalt zu gebieten – für wen, für was – von dem was da kommt überrollt zu werden, den Märtyrer zu spielen wäre zu offensichtlich lächerlich, eine weitere Peinlichkeit hinzugefügt, wenn auch eine letzte, immerhin …

Also spricht man wieder von einem Ereignis ganz ohne Anfang und Ende, so wie das Kaiserreich irgendwann begann sich in seiner Fäulnis aufzulösen, in der täglichen Beichte eines zahnlosen, sabbernden Mundes angeekelt von dem Gedanken des Aufstands einer zerlumpten, ungebildeten, aufsässigen Masse, dumm im Verkennen der Caritas seiner Elite, seines sich sorgenden, behütenden Vaters, seiner göttlichen? Gerechtigkeit oder Abstammung wenigstens …
Ständig sich den blutigen Umarmungen von 6000 Helden zu erwehren scheint eine fortgesetzte Zumutung, ein der kontinuierlichen Befriedung (der geistigen Masturbation) störendes Element, je beschränkter das Geistige, je geringer die Besorgnis, desto schöner und weiter ist die Sprache: die fixe Idee wie ein Durchbruch und Aufblitzen des Realen …

∗ ∗ ∗

Höre das Pulsieren/Präludieren
des Blutes in
deinem Schädel
die Frage des Aufstands
eine arterielle Angelegenheit
kein linearer Prozeß

gehe hinunter ans Ufer
dem prasselnden Regen auf der Oberfläche
des still vor sich hin treibenden Flusses
zu lauschen
dem Augenblick

Worte
in die Dunkelheit
gesprochen
als würden
sie sich entwickeln
und am Tage
aufscheinen

jenen Punkt erreichen, an dem der Wunsch umzukehren verblaßt.

∗ ∗ ∗

Der Schaum/die Scham ist die Wirkung einer Ursache, die verschwunden ist,
einer schnauzbärtigen Monstrosität,
Ohrfeigen zu verteilen, wegen der Aufteilung von Arbeit und Denken –
sprechen wir immer noch von einer Topographie der Gemeinschaft?

Als liesse sich die Wut hinunterschlucken. Defilieren heute nicht jene vor den Opfern, die gestern die größten Sauereien begangen haben?

Widerstand. Provokation. Aufstand. Revolution.
Der Aufstand weitet sich aus durch einen Moment der Kontamination.
Aufschrecken. Angst. Zorn. Aktion.

Bomben

Worte

Schreie

Scheisse.

∗ ∗ ∗

Um sich Gehör zu verschaffen braucht man Barrikaden und Worte. Antonin Artaud an André Bréton.

fig1

Ein Windstoß reißt opernhafte Breschen / in die Wände, –
(…)
Ein Windstoß verweht die Grenzen / der Wohnung.
Rimbaud

Wenn ein Haus, das an der Verteidigungsfront liegt, besonders bedroht ist, zerstört man zuerst das Treppenhaus im Erdgeschoß. Dann bricht man Öffnungen in die Dielen der Zimmer der ersten Etage. Von hier aus kann man auf die Soldaten schießen, die in das Erdgeschoß eindringen …
Wenn ein Angriff auf die ganze Breite der Front gerichtet ist, zerstört man die Treppenhäuser und bricht Löcher in die Dielen aller angegriffenen Häuser.
Blanqui

∗ ∗ ∗

Als begänne der Aufstand im Mündungsfeuer der Gewehre und nicht im Zerstören der Wohlfühlzonen.

Ein ganzes Volk unterhält sich über bedeutsame Dinge, zum ersten Mal hört man die Arbeiter ihre Einschätzungen über Probleme austauschen, die bis dato nur Philosophen angingen.
Unbekannter Kommentar zur Pariser Kommune

Ich sage: einen Scheiß auf die bürgerliche Ordnung, die muß zerschlagen, aufgerieben werden.
Die Subjektivität kann nicht autonom existieren im Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse. Das ist ein Grund, warum wir nicht miteinander übereinstimmen.
Das alles existiert zwischen Menschen, die sich kaum kennen, oder die in ihrer Vorstellung soviel voneinander wissen, das ihr Interesse gegen Null geht. Diese Typen sind reaktionär. Sie sind verschreckt, verstört, hindert man sie daran, Dinge zu tun, die sie für alternativlos halten. Sie forden Bewunderung. So sind sie. Liberal. Sie beschließen die globale Transformation des Kapitals.

BAUDELAIRE’S HÄNDE 1848. Seine Hände verströmen den poetischen Geruch von Schießpulver. Seine Lust an der Zerstörung ist ungebremst, nie hat man ihn in solch einem Zustand gesehen. Immer wieder hält er sie seinen Freunden unter die Nase. Er sagt, nichts ist notwendiger als diese sozialistischen Raketen. Er lacht, ist aufgeregt, seine Stimme überschlägt sich. Es stimmt, keiner unter ihnen hat je diesen Geruch an ihm wahrgenommen, diesen Heroismus des Lebens in einer von einer Vielzahl von Stimmen durchquerten Widerrede gegen die vorherrschende Doppelmoral, Repression und Verblendung, gegen letzte Reste von Zufriedenheit. Der Dichter, die höchste Verkörperung des ästhetischen Paradigmas, ausgedrückt in einem chaotischen, deliranten und spontanen Shitstorm.

Die Menschheit besoffen von ihrer Größe, im Rhythmus ihrer stets wiederkehrenden Einfalt, gefangen im Drama einer ihr auf die Füße fallenden Fortschrittlichkeit.

Spricht Baudelaire nicht von der Wollust, die ganze Menschheit gegen sich aufzubringen – und sei es nur durch ein Buch?
Schluss mit Psycholgie.

Gespräche. Konsens. Einigung. Könnt ihr vergessen!
Wie vermessen muss man sein, einen 6 Meter hohen Zaun ins Mittelmeer zu pflanzen.
Wir schwimmen in der Luft. Alles eine Frage der Dialektik. Die Revolution ist Sache des Atems.

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Ihre Stimmen, ihre Drohungen treffen dich unerwartet, unsichtbar und schön wie der Tod durch Drohnen, der Feind einen Mausklick entfernt
löscht die verpixelte Gegenwart aus,
der Alp ist ihren Visagen eingeschrieben,
wird tägliche Gewohnheit, Groteske ihrer eigenen Logik,
das Gespenst mit Föhnfrisur das nach Akklamation lechzt,
du läßt den Abstand, den Anstand sausen
im Modus der Schnappatmung
jede Phrase gestohlen, jedes Wort Gold wert – scheiß drauf

Baudelaire an Proudhon: Die Vewirrung, die in allen Geistern herrscht, ruft nach unverzüglicher Aussprache unter allen beherzten Menschen.

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