Theater der Grausamkeiten [6.1 / 6.2]

Ich hätte Blut durch den Nabel scheissen müssen, um zu erreichen, was ich will. Artaud

 

All das um zu sagen dass Tzara Artauds Stab berührte als berührte er seinen Schwanz
wodurch er im Übrigen nur einen weiterer Schrein geistiger Masturbation errichtet,
einen Schatten den man mit ein paar Nägeln im Kopf des Suchenden fixiert,
dass Artaud während der neun Jahre die das Gesetz ihn festsetzt / einer Justiz die nur als letzter eitriger Ausfluss einer bourgeoisen Krätze auftritt / ihn bindet, 50 Elektroschocks aussetzt und ins hyperglykämische Coma spritzt,
dass die Gesellschaft aus ihm / der seit 22 Jahren innerlich brennt / einen Scheiterhaufen
gemacht hat,
um zu sagen dass er in einen Abgrund starrt in dem er jene Ausdünstungen des Bardo tieferer Sprache ausmacht, die die Atmosphäre um ihn herum bis ins letzte Dunkel zu illuminieren scheint,
all das um festzuhalten dass er seinen einzigen Ausweg im coma simulé gesehen hat um die Ansprüche einer Poesie zu verteidigen die auf der Stelle einen Körper in tausende sich selbst spiegelnde Momente zu zersplittern imstande ist,
all das weil weder 100 Tropfen Laudanum oder ein Amphetamin-Cocktail ausreichen die Folterkammern des Dr. Ferdière/Latrémolière aus dem Gedächtnis zu löschen,
um zu sagen dass von den Brettern einer Bühne aus, einer skandalfixierten in ihre Lebensgeheimnisse einer mit Wahrheiten infizierten Meute, Bomben ins Gesicht zu werfen, nicht genug ist,
weil Gedanken also spirituellle Botschaften die in Kassibern weitergereicht werden wie
man ein gebratenes Huhn in einer Papiertüte heimträgt nicht ausreichen können,
denn die öffentliche Meinung ist es auch die sich hat hinreissen lassen Gérard de Nerval eines Abends an einer Strassenlaterne aufzuhängen,
nachdem man den Knoten um seinen Hals so weit angezogen dass nur noch ein letztes Zucken seinen Mund verzerrt,
um sich seiner das großbürgerliche Bewußtsein beschämenden Hingabe an eine hellsichtige dekuvrierende Sprache zu entledigen / den Vibrationen und Echos seines nächtlichen aufscheinenden Horizonts —
um zu sagen, dass es keine Sympathien zu verschenken gibt während man aus der Bahn
lebendigen Wirkens herausgerissen sich auf einen Krieg vorbereitet / [Schwarze Listen sind Todeslisten]

 

 

* * *

 

 

Das Spektakel ist das Kapital in einem solchen Grad der Akkumulation, dass es zum Bild wird. Debord

 

Und tatsächlich liegt in den Bildern etwas das auf die graue Substanz des Gehirns
einhämmert / eine Erschütterung der Perspektive innerer Logik / die Projektion jener spektakulären Phantasmagorie (so Agamben in Schechina) aus der der Kapitalismus sein Blut saugt / während die Welt weiter ihre Runden dreht, rennen wir in der Dämmerung um unser Leben / das verpestete Gefüge der Offshore-Reiche (der blasierten Kapitalisten des Limbus) als eine ins Materielle übertragene Weltanschauung / hat man uns nicht immer eingebläut, all das wäre unmöglich, als streiften uns nun unablässig die Flügel der Idiotie, als setzte jemand alles daran unsere dunkelsten Träume zu realisieren —

So wie man Pasolini abserviert hat aus Angst, seine Poesie könnte aus seinen Sätzen aufsteigen wie gewisse geistige Ausflockungen an die Oberfläche treten. In seinem letzten Interview spricht er davon mit chirurgischen Besteck zellverändernde Substanzen, ein Netzwerk bösartiger Knoten zu isolieren und herauszuschneiden — aber man errät in seiner Entschiedenheit, seinem Zorn, Platz für ein Überdenken, eine poetische Sanftheit, seinen bedingslosen Glauben an das Falsche.
Die Gesellschaft hat sich immer Gegenmassnahmen vorbehalten um dem aus kurzer Distanz ein Ende zu setzen. Die Dichtung Pasolinis wird nur wenige Stunden später in der Nähe des Wasserflughafens von Ostia, der Improvisation eines Fussballfeldes, inmitten von Abfallhaufen in dem matschigen Untergrund samt seines geschundenen Leichnams vergraben. Im toten (Neigungs-) Winkel einer Überwachungskamera [ein Poet den niemand fürchtet ist kein Poet]. Das Gesicht ein implodierender Alptraum, eine leere Kraft, ein Todesfeld. Leben, Sterben – ein Hieb in alle Richtungen des Zufalls im Gedränge der Mörder von neokapitalischen Zuschnitt und Grausamkeit. Du weißt nie wer dir nach dem Leben trachtet. Oder, du weißt es nur zu gut.

Wir kennen die Namen derer die zwischen zwei Kirchgängen ihren Leuten Anweisungen erteilen und politische Rückendeckung zusichern, wir haben die Beweise – man muss sie geradewegs bei ihren Schändlichkeiten ertappen – für die Ausbeutung des afrikanischen Kontinents, für jene von einem Europa der Werte finanzierten Todeslager vor der Küste Libyens,
diese kodifizierte, rituelle Ausübung von Herrschaft, etwas das zwischen Hygiene und Demographie dem Geschmack von Fäulnis ähnelt —
wir haben Beweise und nicht nur Indizien für die stufenweise Abschaffung demokratischer Prinzipien, dem Handstreich der Henker, der Fremde der in deinem Bett lodernd in Flammen steht,
Namen und Verantwortliche der Konzerne und Großbanken die sich durch ihre kriminellen Transaktionen sinnlos bereichern bis schliesslich eine letzte Klappe fällt,
wir kennen die Namen derer die die Menschen in Athen Thessaloniki und auf dem Peloponnes demütigten um das Desaster des Referendums im Juli 2015 einfach wegzuwischen und die Daumenschrauben noch ein wenig fester anzuziehen,
Beweise und Namen derer die zwischen zwei Kirchgängen – ihre Gebete sind monströs – ein Klima der Spannung erzeugen, die kapitalistischen Götzen, die nächtlichen Illusionen, der zerbeulte Hochmut, die Miasmen der Dummheit, die Berechnungen polizeilicher und psychiatrischer Kontrolle, die tote Zunge der Wirbelsäule, die offenen Gräber und Rechnungen, der Spleen des Ausgewählten, die zwanghaften Empfindsamkeiten, die schreiende Absurdität ihrer Tatsachen und Rechtfertigungen, die Pfütze der Obsession, die orthodoxen Übertreibungen beschämend in ihrer Engstirnigkeit, der Materialismus der Körper, die blumigen Reden, das langsame Krepieren, die Obszönität des Nützlichen, das Gift der Bekehrung, die Fiktion der Grenzen und ihre schweinische Feigheit, der Lebenslauf Gottes, die Barrikaden aus Gold und brennendem Öl —
wir wissen das schliesslich alles nicht nur wegen E. Snowden, den Panama und Paradise Papers oder sogenannter Experten sondern weil wir nicht blöd sind

 

 

 

 

 

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